Morsche Supporter!
Mich beschleicht das Gefühl, es wird mal wieder höchste Zeit euch mit den dreckigen Details meines kleinen Lebens zu beglücken… aaalso. was ist denn so passiert in letzter Zeit?… hmm… ja gut, ich sag mal: nicht viel. Einzig ein verträumter Dienstag Abend fällt mir da ein. Aber ich hole etwas weiter aus.
Um mein Konto dem Haben ein wenig näher zu bringen, beschloss ich in den Semesterferien sechs Wochen lang jeden Abend meinem Lieblingsjob im Lager eines örtlichen Pharmagroßhandels nachzugehen. Und um dem positiven Lebenswandel, den ich ja bekanntlich führe, auch noch die Krone aufzusetzen, wollte ich die 15 km zur Arbeit und ebensoviel zurück mit dem Drahtesel, den ich in den letzten autolosen Monaten so lieb gewonnen hatte, zurücklegen. Ja… Riesen-Idee!
In feschem, sportlichem Outfit fuhr ich also zu Hause los, mich immer an die aktuell gültige StVO haltend, umsichtig… einfach vorbildlich. Es muss sich in etwa zur selben Zeit zugetragen haben, dass ein Herr im besten Alter - ich schätze Anfang bis Mitte sechzig - in seinem Schrebergarten beschloss: “Ich fahr jetzt mal mein neues Rad gassi.” So fuhr er also los, schnell wie der Wind, derselbe Strich ihm durchs Haar, er spürte einen Hauch von Freiheit. Ich dagegen fühlte mich etwas eingeengt, denn ich musste - zugegebenermaßen aus mangelnder Ortskenntnis - mein Fahrrad einige Meter weit über den Fußweg schieben. Um der Enge zu entgehen beschloss ich also die Straßenseite zu wechseln um den dort situierten Radweg zu erreichen. Ein grober Faux-pas wie sich herausstellen sollte. Ich wartete also den PKW-Verkehr ab und überquerte auf dem Rad dann die Straße. Wie ich mich so langsam auf den Radweg vortastete, sah ich von links den eben genannten Herren heranbrausen. Geistesgegenwärtig griff ich in die Bremse. Doch sah ich in seinem Gesicht leider nur diesen verträumten Blick. Als er mich endlich wahrzunehmen schien, verließ sämtliches Blut seinen Kopf - zu erkennen an der blassen Gesichtsfarbe - und er schien es für eine gute Idee zu halten nicht mehr zu bremsen sondern alternativ mich und mein Velo als Prellbock zu nutzen. So flogen wir also beide in hohem Bogen von den Rädern, dass sogar Evel Knievel neidisch geworden wäre.
Wir lagen also beide leicht verwirrt am Boden, checkten unsere Wunden und begutachteten unsere Räder. Unterm Strich: An seinem Rad rudimentäre Schäden, an ihm Prellungen und Schürfwunden. Mein Rad… Totalschaden. Ich… ebenfalls diverse Prellungen und Schürfwunden, drei Tage krankgeschrieben. Zu allem Überfluss kam wenig später seine von ihm angerufene Ehefrau, die bei weitem nicht so ruhig blieb wie er selbst. Obwohl sie keine Ahnung hatte, was passiert war, hielt sie mich vom ersten Augenblick für einen kompletten Vollidioten. Murmelte ständig diverse Flüche in den nicht-vorhandenen Bart, hin und wieder unterbrochen von Worten wie “Schadenersatz” und “Schmerzensgeld”. Natürlch war sie völlig schockiert als sie mich auf meine sicherlich vorhandene Haftpflichtversicherung ansprach und ich sie nur verständnis- und versicherungslos anschaute. Von da an hatte ich in Ihren Augen jegliche Daseinsberechtigung verloren. Aber seis drum. Polizei kam, Polizei ging wieder und nach einigen Stunden im örtlichen Krankenhaus und der Gewissheit, dass sämtliche Knochen heil sind, ging ein weiterer Tag in meinem glorreichen Leben zu Ende.
Bis heute hatte ich nichts von der Polizei oder meinem Unfallgegner gehört. Bis heute. Ich sollte heute auf dem Polizeirevier vorbeischauen um meine Aussage zu Protokoll zu geben. Ich dachte noch: “Is’ ja nich’ so wild”, und lief pünktlich dort auf. Als der nette Polizeibeamte mich jedoch begrüßte mit den Worten: “Guten Tag Herr Herrmann. Sie sind der Beschuldigte einer Straftat: Fahrlässige Körperverletzung”, da fand ich es gar nicht mehr so lustig und mein Herz rutschte mir zugegebenermaßen in Regionen, in denen es eigentlich nichts zu suchen hat. Na gut… er meinte zwar auch, dass das Verfahren wohl eingestellt werden würde, was mich angesichts des zu erwartenden Bußgelds allerdings nur unwesentlich beruhigte. Wie auch immer. Ich schilderte dem Herren in Beige nochmal genau den Ablauf des Unfalls, verließ die Polizeidienststelle und machte mich auf meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Arbeiten um die Staatskasse füllen zu können.
Was lernen wir also daraus? Ganz klar: Es ist falsch Fahrrad zu fahren. Gott hat nicht zum Spaß das Auto erfunden. Kein Mensch sollte sich auf so eine zweirädrige Höllenmaschine setzen müssen. Nun ja… die Thematik hat sich für mich sowieso erst einmal erledigt, da ich mein Fahrrad nach besagtem Zwischenfall zur letzten Ruhe betten konnte und die monetären Mittel für ein neues in weiter Ferne sind. Apropos zur Ruhe betten… Das werde ich jetzt auch tun. Ist ja schon wieder etwas später geworden. Und das Fernsehprogramm ist auch unter aller Sau. Ich bin immer wieder schockiert, dass amerikanische Talkshows noch niveauloser sind als unsere deutschen. Aber dazu mehr an anderer Stelle.
In diesem Sinne… Gute Nacht und hütet Euch vor Rentnern, die Fahrräder fahren.
– Euer Joachim