Liebe Gemeinde,
Da ich Euch selten genug mit den Belanglosigkeiten meines Lebens belästige, habe ich mir gedacht, ich stürze mich - völlig uneigennützig natürlich - in ein kleines Abenteuer. Dieses Abenteuer trug den Namen “Deutschland sucht den Superstar”. Ja, Ihr lest richtig. Ich war da! Bohlen rief zum Casting und ich schleppte meinen phlegmatischen Kadaver ebendort hin.
Da leider niemand Zeit hatte bzw. keinen Bock oder kein verkehrstüchtiges Auto zur Verfügung um mich zu begleiten, fuhr ich per Baden-Württemberg-Ticket nach Stuttgart um im Maritim-Hotel unweit des Hauptbahnhofes meine Karriere zu finden. Da standen sie also alle. Lauter verblendete Kinder, aufgedonnerte Landjugend und ethnische Randgruppen jeder Couleur… Ich glaub meiner war der einzige deutsche Personalausweis, der an jenem Abend gezückt wurde.
Ich marschierte also ganz nach vorne, in der Gewissheit, dass der Dieter aus Tötensen quasi nur auf mich wartet, und meinte zum Security-Menschen in Anzug und mit Knopf im Ohr: “Ich hab nen Termin beim Chef.” Er schaute mich nur mitleidig an und wies mich freundlich daraufhin, dass ich wie alle anderen in der Schlange warten solle. Und das wo ich Menschenaufläufe so hasse. (An dieser Stelle sei bemerkt, dass maßlose Übertreibungen und künstlerische Freiheit zu Stilmitteln des Autors gehören, selbiger sich aber bemüht weitestgehend bei den Fakten zu bleiben. Vielen Dank für Euer Verständnis.) Okay… so standen wir also dort unter dem Vordach in der Kälte, neben uns prasselte der Regen runter, vor mir etwa hundert Menschen, hinter mir etwa fünfhundert, von denen die talentlosesten sich dazu berufen fühlten den ein oder andere Gute-Laune-Song anzustimmen um uns die Wartezeit zu versüßen. Um sechzehn Uhr sollte die Chose losgehen. Wir warteten. Es wurde 17 Uhr. Es wurde 18 Uhr.
Ah… nun sollte es endlich losgehen. Ein Security-Heinz - und ich meine nicht diesen Typen im Anzug sondern eher die Kategorie, wie wir sie von einschlägigen Bauernfesten kennen - verkündete, dass wir nun bitte sämtliche Handys ausschalten müssen und sofern wir älter als achtzehn sind keine Begleitpersonen zugelassen sind. Dann wurden wir nach und nach in die Lobby des Maritim gelassen, wo wir unsere Unterlagen abgeben und Aufkleber mit Nummern darauf erhalten sollten. Als nächstes - ihr dürft raten… RISCHDISCH! - Warten! Wir warteten also, bis wir in den Aufenthaltsraum gelassen wurden. Dort konnte man warten, sich warmsingen, Snacks und Getränke zu völlig überteuerten Preisen vom Chef-de-Cuisine-in-Training kaufen…
Nun ja… das hätte man gekonnt. Denn noch bevor wir uns wirklich einsingen konnten kam auch schon der Tobi. Tobi trug ein Headset und ein T-Shirt auf dem “TEAM” stand. Tobi erklärte uns, dass er uns jetzt mitnimmt und zu den Castingräumen bringt. Derer gab es vier. Ihr werdet Euch jetzt fragen: “Wie kann der Bohlen in vier Räumen gleichzeitig casten?” Auch wenn er Lieder mit maximal vier Akkorden schreibt oder alle vier Wochen ne neue Ische klarmacht… Das kann er nicht. Ich war ja vorbereitet, aber es gab doch tatsächlich einige verwirrte Seelen, die dachten, dass man uns direkt auf Dieter loslassen würde. Nachdem dieser Tobi uns dann vor unserem Castingraum in der richtigen Reihenfolge auf die Stühle gesetzt hatte, erklärte ein anderer im “TEAM”-Shirt, dass wir da gleich reingehen sollten, uns auf das Quadrat stellen, dass den Boden ziert, uns kurz vorstellen und eine Strophe plus Refrain singen sollten. Okay. Gesagt getan. Die Tür öffnete sich und ich betrat den Raum.
Da war es… das Quadrat! Ich also zielstrebig auf jenes zu und punktgenau positioniert. Hui, erste Hürde geschafft. Als ich den Blick vom Fußboden erhob um mich etwas umzusehen, war das alles auf einmal gar nich mehr vertrauenerweckend. Ein Raum, der jeder Zelle in Guantanamo zur Ehre gereicht hätte, anderthalb Meter vor mir eine Kamera, die mir mitten ins Gesicht schaute, daneben zwei Flutlichter, die den Raum auf weit über den Siedepunkt aufheizten und im Dunkeln dahinter ein Kameramann, eine Ische, die nur in nen Monitor stierte und eine, die offensichtlich die Cheffin der Truppe war. Ich also erstmal ein fröhliches “Hallo zusammen!” rausgehauen. Damit war aber schon Schluss mit lustig. Ich also mein Sprüchlein aufgesagt mit Namen und Alter und was sonst noch als interessant gelten könnte. Beifallsstürme blieben aus, also kündigte ich meine Performance an und legte auch gleich los. Nach geschätzen zwanzig Sekunden, die mir endlos erschienen war dann alles beendet und ich wurde mit den Worten verabschiedet: “Vielen Dank. Wir konnten uns, denke ich, ein Bild machen. Wir sprechen uns später.” Ich verließ den Raum. Der nächste bitte.
Das war es also?!? Konnte das alles gewesen sein? Kurz und schmerzlos: Ja! Der Zauber war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte. Ich tigerte also zurück in den oben beschriebenen Aufenthaltsraum, wo ich… RISCHDISCH! - wartete! Denn nicht dass es reichte uns aufstrebende Nachwuchstalente nach einer 12 sekündigen Performance zu beurteilen (… ich behaupte sowieso, dass die Entscheidung schon in dem Moment fällt, in dem man durch die Tür kommt…) - nein - Wir mussten uns so lange gedulden bis alle, ja, ALLE gesungen hatten, bevor uns eine Entscheidung mitgeteilt wurde.
So begab es sich also, dass ich zusammen mit den verbliebenen mehr oder minder talentierten Flitschbirnen die Zeit totschlug. Ich wehrte mich weiterhin standhaft gegen die überteuerten Speisen und Getränke, die feilgeboten wurden. Und lasst Euch sagen: Mit dem Magen in der Kniekehle wartet sich’s nicht unbedingt einfacher. Aber da waren ja zum Glück immer wieder Leute mit Gitarren, die hier und da ein Liedchen anstimmten und jene, die sie umringten zum Mitsingen animierten. Nun ja… zumindest, wenn die Kamera auf sie gerichtet war. Und… oh!… Da fing spontan eine Gruppe an zu jammen. 5 Jungs gaben einen Song zum besten, und das gar nicht schlecht. Aber das kann ja nicht sein, dachte sich da einer vom Kamerateam und wies sie darauf hin, dass wir ja nicht zum Spaß da sind und sie immerhin gerade am drehen sind. Wo kämen wir da auch hin, wenn da jeder singen könnte wann er will. Undenkbar!
Aber der nächste Lichtblick ließ zum Glück nicht lange auf sich warten. Da war… ach ich hab keine Ahnung wie er hieß, aber er war krass drauf. Südländisches Aussehen - Albaner wie sich später rausstellte - mit Glasklunkern behangen und eine Frise auf dem Kopf wie Tokio Hotels Bill wenn er seinen Pillermann in die Steckdose hält. So war er gekommen und riskierte seinen Job in der Geisterbahn um unser Superstar zu werden. Und Talent?… tja… wenn er das buchstabieren kann, ist schon viel erreicht. Denn mehr war echt nicht zu wollen. Die Kamera stürzte sich erwartungsgemäß sofort auf ihn und man forderte ihn auf, mal eine Kostprobe seines Könnens darzubieten. Es war also nicht mehr abzuwenden, dass er den völlig unbekannten soullastigen Song eines noch unbekannteren Künstlers in einer Interpretation ablieferte, die eher an “Alle meine Entchen” erinnerte als an Popmusik. Aber die Kamera liebte ihn. Traurig!
So vergingen die nächsten zwei bis drei Stunden quasi wie im Flug. Gut… es war ein langer, grausamer Flug, aber… egal. Irgendwann war es endlich soweit. Die verbliebenen Kandidaten - meiner Einschätzung nach vielleicht noch die Hälfte dessen, was anfangs da war - wurden zusammengepfercht, die Türen des Aufenthaltsraums geschlossen. Ein Typ, der scheinbar der Guru der ganzen Chose zu sein schien trat in die Mitte des Raumes und begrüßte uns, dankte für unsere Teilnahme und ließ folgende Regeln für jene verlauten, deren Namen gleich verlesen werden sollten. Wessen Name vorgelesen wird, der soll morgen wiederkommen um vor Bohlen zu performen. Wer morgen wiederkommt, der muss im exakt selben Outfit wie beim ersten mal auflaufen. Sprich: Selbe Klamotten, selbe Frisur, selbes Make-up. Selbiges gilt für etwaige Begleitpersonen. Als alle wieder aufgehört hatten zu lachen, weil sie merkten, dass das sein Ernst war, ging es also daran die Namen der Todgeweihten zu verlesen. Gewählt wurde ein relativ unspektakulärer Diskotürke. Buntes Poloshirt, sauber geshaveter Kuranyi-Bart und Stinktier auf dem Kopf… kurz gesagt: Schaut euch im Liberty oder am Ulmer Hauptbahnhof um, da seht Ihr solche im Dutzend. Der Nächste war ein eher unscheinbar-alternativer Gitarrero. Irgendwo zwischen Reinhard Mey und James Blunt angesiedelt und… hab ich schon unscheinbar gesagt? Weiter geht’s. Die nächste Kandidatin stand meiner Ansicht nach auf Dieters persönlicher Wunschliste: Braungebrannt, Tiefes Dekolletee und riiiiesen Brüste! Vielleicht hat sie noch andere Talente, was aber meiner Ansicht nach bei diesen Argumenten völlig nebensächlich ist. Nun ja… ansonsten wurden noch drei oder vier Typen und Mädels ausgewählt, die… na ja… ich kann Euch nicht mal mehr was über die sagen, getreu dem Motto “Gesehen, gelacht, vergessen”. Einzig erwähnenswert ist vielleicht noch der Kollege, der als letzter auserwählt wurde. Er war ofensichtlich Türke, absolut keine Schönheit und gänzlich talentfrei. Nach eigener Aussage versuchte er zwei Lieder zu singen, was aber völlig fehlschlug, woraufhin er der Castingfrau einfach etwas vortanzte. Diesen Tanz führte er uns sogar auch noch vor, und lasst euch sagen: Selten war ein epileptischer Anfall so erfolgreich. Wahnsinn!
Mit der bekanntgabe der acht Gewinner - acht von achthundert! - war die Veranstaltung dann auch schon beendet. Wir Nichtgewinner wurden aufgefordert nun das Etablissement zu verlassen, damit man noch Fotos und Interviews mit den Gewinnern machen kann. Ich verließ also das Hotel und nahm den nächsten Bus gen Bahnhof, wo ich dann auch gleich eine Bummelbahn nach Ulm bekam. Und was lernen wir daraus? Es ist nicht alles Gold, was glänzt, is klaa. Viel wichtiger: Man kann ein zweiminütiges Casting so in eine zehnstündige Odyssee verpacken, dass man den ganzen Sonntag was davon hat. Und zu erzählen hat man auch ne Menge. Und von meiner Zug-Bekanntschaft mit einigen jungen Menschen, die den Tag - wesentlich sinnvoller, wie ich finde - auf dem Cannstatter Wasen verbracht haben und entsprechend beieinander waren erzähle ich euch an anderer Stelle sobald meine Finger aufgehört haben zu bluten.
In diesem Sinne… Kündigt eurem Gesangslehrer und besucht lieber eine Clownschule, wenn Ihr es auf die große Bühne oder zumindest vor Bohlens Schreibtisch schaffen wollt. Bis dahin…
– Euer Joachim