Hallo liebe Liebenden… und auch der Rest,
auch wenn es Euch seelisch völlig zu Grunde richtet zum dritten Mal innerhalb einer Woche von mir zu lesen… dieses Risiko muss ich einfach eingehen. Denn drei mal dürft Ihr raten… exakt… ich sitze mal wieder in einem Zug, verfüge über keine Internetverbindung und kann nicht schlafen, habe also genug Zeit, Euch mal wieder nen Schwank aus meinem ereignisreichen Leben zu verkünden.
Wenn Ihr Euch ein wenig an die Geschichte von “Titten-für-den-Weltfrieden”-Tobys Dreißigstem Jahrestag erinnert, dann deute ich da an, dass es da einen zweiten Grund gab, warum sein Geburtstag einen denkwürdigen Zeitpunkt in der Geschichte unserer Welt darstellte. Es war der erste Tag nach meinem zweimonatigen Alkoholentzug… richtig gelesen: Es war mal wieder so weit. Der ein oder andere Vorfall veranlasste mich, mir den Konsum alkoholhaltiger Getränke völlig zu untersagen. Wie das meistens so ist, waren die Zeichen schon lange da… ich wusste sie nur nicht zu deuten. Komplette Tage, die in totaler Unproduktivität und der Horizontalen auf meinem Kannappee vergingen, drei Tage langes Unwohlsein in der Magengegend, völlige Erschöpfung bereits am ersten Arbeitstag der Woche und stechende Schmerzen in der Hirngegend am Morgen danach… all das war schon länger Usus, aber wie das oft so ist: Man braucht erstmal einen Anlass um mit Dummheiten jeglicher Art Schluss zu machen. Und meinen Anlass möchte ich Euch heute erzählen.
Es begab sich also vor mittlerweile zweieinhalb Monaten, da fassten wir, das heißt Jochen, Toby, ich und diverse unserer Freunde, den Entschluss, dass es mal wieder allerhöchste Eisenbahn wäre den Tanzboden in einer der angesagtesten Dissen Ulms zu rocken. Ein gepflegter Abend im Theatro stand also auf dem Programm. Und wie das meistens abläuft wird im Vorfeld nicht nur Vanilletee getrunken. Also trafen wir uns bei Jochen um etwaig vorhandene Biers und Sambucen (Sambuca, der; Plural: die Sambucen… so wie Taxi/Taxen, Pizza/Pizzen, Sofa/Sofen, Motto/Motten, …) ihrer Bestimmung zuzuführen. Kaum, dass das erledigt war - dass wir alle schon ein wenig bedüdelt waren brauch ich an dieser Stelle nicht erwähnen - gingen wir gen Innenstadt um uns auf dem Weg noch in der berühmt berüchtigten… na ja, eigtl. ist sie nur berüchtigt… egal. Auf jeden Fall wollten wir uns mit anderen Partywilligen in der Vorglühbar treffen um dann ins Theatro weiterzuziehen. Wie das Leben so will, hatte Ralf Gonzales (…so ähnlich muss er heißen…), der Wirt unseres Vertrauens so viel Alkohol im Laden, dass er den sogar verkauft hat, wovon wir reichlich gebrauch gemacht haben. So landeten also drei Cocktails in meinem Schlund, die mich zudem insgesamt nur vier Euro kosteten… und da sag nochmal einer, ich sei kein Sparfux. Nun ja… die Meute war vollständig und wir ständig voll (…ich weiß, dass das sinngemäß nicht sooo geil hier reinpasst, aber dieses Wortspiel fand ich so großartig, dass ich es unbedingt loswerden wollte.). Wir wanderten also weiter in Richtung unseres Zielortes. Im Theatro angekommen, sahen wir ein, dass wir schon wieder zu viel getrunken hatten, bestellten jeder ein stilles Wasser mit Zitronenschnitz und pflegten die gediegene Konversation… Bullshit! Wir hauten uns noch einige Biers rein, danceten, dass alles zu spät war und sabberten hinter allem her, was Arsch, Brüste und nen Puls hatte. Zumindest ist diese Aussage eine Kombination aus der Berichterstattung Dritter und meinen Erfahrungswerten, denn tatsächlich erinnern kann ich mich daran nicht. Um den exakten Zeitpunkt meines Filmrisses zu definieren: es war direkt, nachdem wir den Eintritt gezahlt hatten.
Meine Erinnerung setzt dann am nächsten Morgen ein, als meine liebe Nachbarin, die Katrin, urplötzlich im Hausflur an meiner Tür stand und rief: “Jo! Hallo! Bist du da?” Ich wunderte mich, wieso die einfach auf nen Samstag Mittag in meine Bude einbricht um nach mir zu rufen. So schnellte ich also aus meinem Bett hoch… das Blut in meinem Körper blieb aber leider knapp über Laminathöhe, so dass mir gar nicht so gut war in diesem Moment. Die Katrin erklärte mir kurz, dass sie sich um mich sorgte, da den ganzen Morgen meine Tür offen stand. Konnte ja gar nicht sein. Konnte doch sein, da ich in meinem Suff die Tür offensichtlich zuerst abgeschlossen hatte, bevor ich versuchte sie ins Schloss zu drücken, was nicht so von Erfolg gekrönt war, wie ich es mir wohl gewünscht hätte. Nachdem die Katrin wieder nach nebenan gegangen war, verschloss ich also erstmal meine Tür ordnungsgemäß. Langsam lüftete sich der Dunst vor meinen Augen und ich sah mich in meiner Wohnung um… Dort lagen diverse Kleidungssstücke - natürlich nur diejenigen, die ich nicht zum Schlafen angelassen hatte - in alle Windrichtungen verstreut. Langsam begann ich in meinem benebelten Schädel einen pochenden Schmerz zu spüren, wie er abartiger kaum sein konnte. Wie jedes Mal überprüfte ich das Vorhandensein meiner Habseeligkeiten. Geldbeutel? Anwesend aber leer. So viel hatte ich doch gar nicht getrunkrn. Da müsste doch noch ein Fuffi übrig sein… seltsam. Schlüssel mit Schlüsselbund? Im Schloss der Wohnungstür (…lag bei anderer Gelegenheit auch schon einmal in einzelne Schlüssel zerteilt und um einen Briefkastenschlüssel dezimiert auf dem Fußboden meiner Wohnküche. Handy? Anwesend (…wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ich es im Kühlschrank zwischen Emmentaler und Lyoner wiederfinde). Jacke? Anwesend (…auch das war nicht immer so. Mein Jackenverschleiß ist berüchtigt!). Jeans durchwühlt. Kein Geld. Aber Strafzettel. Strafzettel? Ich hab doch gar kein Auto?!? Da fingen meine Synapsen an zu rotieren. was war da los?!? Die beiden Strafzettel, die ich zerknüllt in meiner Hosentasche fand befanden sich ursprünglich an der Windschutzscheibe eines Smart des örtlichen Car-Sharing-Projekts car2go, welcher in der Innenstadt auf meinem Heimweg geparkt war. Langsam aber sicher machte sich eine nicht unerhebliche Verunsicherung breit. Ich rief also den Toby an um mir erklären zu lassen, was während meines Filmrisses passierte:
Wir verließen gegen halb vier das Theatro. Alle wollten nur noch nach Hause. Alle? Weit gefehlt. Toby und ich wollten unbedingt noch in den Schicki-Micki-Tanzschuppen etwa einhundert Meter vom Theatro entfernt, das Myer’s. Der Türsteher machte uns allerdings klar, dass Toby hineingehen dürfe, ich aber zu betrunken sei. darauf verwickelte ich ihn in ein Gespräch… zugegeben… ich hielt einen Monolog, in dem ich ihn auch mit Begriffen titulierte, welche die ein oder andere Randgruppe als unpassend empfunden hätte. Dies trug natürlich nicht zu seiner Laune bei, so dass wir beide unverrichteter Dinge von dannen zogen. Wir gingen also zum Rest der Gruppe zurück, die auf uns gewartet hatten. Nein, gelogen. Toby ging zurück. Ich lief kommentarlos in die andere Richtung, welche meinen Heimweg darstellte. Von da an weiß leider niemand, was ich getan habe. Mit der Ausnahme, dass ich circa drei Stunden später versucht habe Toby anzurufen. Sehr, sehr mysteriös das alles.
Ich fasse zusammen: Nicht in die Disko gekommen, Türsteher beleidigt, heimwärtsgetorkelt, drei Stunden später telefoniert, dazwischen Strafzettel von Smarts abgepult. Ich kombinierte mit meinen Sherlock-Holmes-mäßigen Fähigkeiten: Halb vier Uhr, Fünfzig Euro in der Tasche, die mittlerweile fehlen, Strafzettel vom Car Sharing in der Tasche… Schlussfolgerung: Ich nahm den Smart, der auf dem Heimweg so rumstand, fuhr damit in die Blaubeurer Straße, den einzigen Ort, wo man um diese Uhrzeit noch fünfzig Euro loswerden kann. Sei es bei McDonald’s, Burger King oder wenn’s gut gelaufen ist im örtlichen Laufhaus oder der Nacktbar nebenan. Verdammt! Was hab ich da getan?!? In diesem Moment rutschte mein Herz dermaßen in die Hose, ich bekam Hitzewallungen und der Angstschweiß trat vollflächig aus meinem Körper aus. Eine derartige Angst habe ich glaube ich noch nie gespürt. Speziell der Gedanke in meinem Zustand mit einem Mietauto gefahren zu sein, in dem Bewusstsein, dass meine Verfassung so war, dass die Chance größer war, dass ich diverse Fußgänger überfahre als dass ich heil zu Hause ankomme, hat mich völlig fertig gemacht.
Ich also erstmal etwas über meinen Revuekörper gestriffen und aus dem Haus gegangen. Ich lief eine Runde durch die erweiterte Nachbarschaft, um sicherzugehen, dass nicht in irgendeinem Vorgarten um eine Laterne ein vertträumter kleiner Smart gewickelt war, unter dem noch multiple Gliedmaßen herausschauen. Ich konnte aber glücklicherweise keinen finden. Später kam ich auf die Idee, in meinem Buchungsportal im Internet nachzuschauen, aber auch das sagte mir, dass ich keinen Smart mehr bewegt hatte. Als ich mit Don X telefonierte, teilte dieser mir außerdem mit, dass ich meine fünfzig Euro wohl doch schon in der Disko in Alkohol getauscht und zu einem Teil auch ihm geliehen hatte… und da keine Abhebung auf meinem Kontoauszug zu finden war, war also sichergestellt, dass ich mein Geld weder verfressen noch vervögelt hatte… huiuiui… wiedermal Glück gehabt.
Nach und nach wurden also meine Befürchtungen entkräftet, doch da bis heute ungeklärt ist, was ich in den drei Stunden gemacht habe, die mir an jenem Abend fehlen, und was ich Toby um halb sieben Uhr morgens so dringend mitteilen wollte, hielt sich dieses flaue Gefühl im Magen noch eine ganze Weile.
Dies war also die Geschichte, wie ich beschloss für eine ganze Weile auf Sex und Alkohol zu verzichten und in Askese zu leben… Okay, das mit dem Sex war nicht meine Idee, aber das mit dem Alkohol habe ich freiwillig durchgezogen. Ich setzte mir 2 Termine, an denen ich trinken würde und genau an diesen trank ich. Dazwischen war ich etwa zwei Monate trocken und muss sagen: Es hat mir sehr gut getan und ich fühle mich wesentlich besser als zuvor. Nicht nur, weil meine Leber vermutlich auf ein Viertel ihrer vorherigen Größe geschrumpft ist, sondern auch, weil ich mir seit langem endlich mal bewiesen habe, dass ich mir etwas vornehmen und auch durchziehen kann. So etwas kam schon lange nicht mehr vor.
Andererseits möchte ich aber auch etwas anklagen. Und zwar muss ich an dieser Stelle meinen Freunden mal einen Vorwurf machen: Warum kommt niemand damit klar, wenn einer von uns sich mal eine Weile nicht zuschüttet als gäb es kein Morgen? Zugegeben, es kommen bei nüchternen Abenden nicht solche Straßenfeger heraus wie diese Geschichte einer ist, aber warum wird man angefeindet und als Langweiler tituliert nur weil man mal nicht völlig entgleist? Freunde sollten so nicht zueinander sein. Nehmt Euch das zu Herzen bevor Ihr wieder den Gruppenzwang in Reinkultur propagiert, in dem Ihr Antialkoholiker diskriminiert und aufs übelste mobbt. Macht das doch lieber mit Rauchern
Damit entlasse ich Euch nun mal wieder in eure eigene Welt, aber denkt auch Ihr Anderen daran: Niemand hat es verdient wegen des Verzichts auf Alkohol angefeindet zu werden. Solche Menschen müssen unterstützt werden. Alkohol böse. Freunde lassen Freunde nicht betrunken Auto fahren. Aber sieben Bier sind auch ein Schnitzel.
In diesem Sinne…
Euer Joachim